Die Leitidee

Von Harry Nick

»Marx im Herzen und Keynes im Kopf« ist in programmatischen Debatten der Linken zu hören. Gemeint ist der eine als der sozialistische Grundleger, der andere als zeitgemäßerer Ökonom. In konkreter Politik sollten sich die Linken besser an Keynes halten

Herausragendes Verdienst von John Maynard Keynes (1883- 1946), des zweifellos bedeutendsten Ökonomen des 20. Jahrhunderts, war, dass er als erster unter den bürgerlichen Ökonomen wagte, das Marxsche Theorem nachzusprechen: Die Ursachen der Wirtschaftskrisen liegen in der Wirtschaft selber, und zwar im Nachhinken der Gesamtnachfrage hinter dem Gesamtangebot von Gütern und Leistungen.

Die Erklärungen dieses Phänomens bei Marx und Keynes sind allerdings grundverschieden. Marx erklärt es aus der Tendenz des Kapitals einerseits zur schrankenlosen Vergrößerung des Angebots und der gleichzeitigen Tendenz zur Kostensenkung, vor allem der Lohnminimierung und damit der Massenkaufkraft. Keynes Erklärung hat nichts mit Kapitalismus zu tun, sondern mit dem ökonomischen Interesse an monetärer Liquidität, mit der »Sparneigung« der Menschen, die ihr Einkommen nicht wieder in voller Höhe ausgeben. Das schlichte Gegenargument von Marx und Keynes heißt, wer etwas verkaufe, müsse im gleichen Betrage ja nicht wieder sofort kaufen, er könne auch sparen. Marx sah hierin die »abstrakte Möglichkeit« der Wirtschaftskrise, Keynes ihre eigentliche Ursache. Für das Schließen der Lücke zwischen Angebot und Nachfrage empfiehlt Keynes vor allem eine antizyklische Fiskalpolitik. Der Staat solle in Krisenzeiten investieren, dürfe sich auch hierfür verschulden und sich in besseren Zeiten entschulden.

Aber zwingend ist dieser Ausweg aus der Nachfragelücke für Keynes nicht. Wie um dies zu bekräftigen, wählt er skurrile Beispiele: Diese Lücke könne auch verringert werden, wenn die Reichen zur Beherbergung ihrer Leiber während ihres Lebens Paläste und zu deren Beherbergung nach dem Tode Kathedralen erbauen ließen. Oder wenn das Schatzamt Banknoten unter städtischem Müll vergraben und es privatem Unternehmergeist überließe, sie wieder auszubuddeln. Auch Rüstungsproduktion ist mit diesem Keynesschen Theorem total kompatibel.

Natürlich würden auch Lohnsteigerungen diese Lücke verringern. Das ist aber die von Keynes durchaus nicht favorisierte Variante; den Lohndrückern gibt er den pfiffigen Hinweis, dass sie ihr Ziel durch Preissteigerungen leichter erreichen als durch Senkung des Nominallohnes. Man kann linke Sozialpolitik an das Keynessche Theorem andocken, aber nicht aus ihm ableiten, mit ihm begründen.

Natürlich kann auch die LINKE ein Zukunftsinvestitionsprogramm gut gebrauchen. Aber es kann nicht der Rahmen, die Leitidee eines linken Sozialprogramms sein. Dafür wäre es viel zu eng. Gegen die heutige Finanzkrise hülfe auch kein staatliches Investitionsprogramm, wohl aber die Bekämpfung der Armut. Die Verarmung der sozialen Mittelschichten in den USA ist die wirkliche Ursache der Immobilien- und Finanzkrise. Investitionen in die Bildung sind dringend nötig, aber ohne Bekämpfung der Armut wird Bildungspolitik nicht erfolgreich sein. Die Umverteilung von unten nach oben ist das Krebsgeschwür, die Ursache aller wirtschaftlichen und sozialen Übel des heutigen Kapitalismus.

Die Leitidee linker Sozial- und Wirtschaftspolitik kann nur der Widerstand gegen die soziale Polarisierung sein, der Kampf um soziale und wirtschaftliche Voraussetzungen für ein gutes Leben für alle. Neu ist das alles nicht, es kann bei Marx nachgelesen werden.